3.2.15, Vortrag Dr. B. Böhlendorf-Arslan

Dr. Beate Böhlendorf-Arslan:

Alltag im byzantinischen Dorf Boğazköy

Hattuša, die Hauptstadt des hethitischen Reiches (heute Boğazköy oder Boğazkale nahe Çorum in Inneranatolien), wurde in byzantinischer Zeit mit einer ausgedehnten Siedlung überbaut. In den 1980er Jahren grub das Deutsche Archäologische Institut unter der Leitung von Peter Neve in der Oberstadt mehrere Häuser, zwei größere Gehöfte, ein Kloster mit Kirche sowie einen ausgedehnten Friedhof mit Grabkapelle aus, die offenbar den Kern des byzantinischen Dorfes bildeten. Anhand der Ausstattung mit Fußböden, eingebauten Herdstellen, Öfen, Bänken, Pressen sowie mobilen Getreidemühlen können Funktionsräume wie Aufenthaltsräume, Küchen, Backkammern, aber auch eine Weinkelter und eine Gaststube bestimmt werden. Aus den Häusern wurden viele Gegenstände geborgen, welche noch in ihrem originalen Kontext waren. In einigen der Gräber wurden die Toten mit ihrem persönlichen Schmuck bestattet. Zusammen mit den anthropologischen Untersuchungen der Skelette bildet dieser die Grundlage für eine soziokulturelle Einordnung der Bestatteten. Auch im Kloster, in der Kirche, dem angebauten Parekklesion und der Grabkapelle blieb vieles vom Inventar an Ort und Stelle. Die Sakralräume waren mit zahlreichen Lampen und Leuchtern, kleineren Kisten und Truhen, unterschiedlichen Kreuzen sowie Büchern reich ausgestattet gewesen. Die Fundobjekte zeigen eine relativ kurze Zeitspanne für die Besiedlung des Dorfes: Zumindest die Kernsiedlung wurde in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts angelegt und dann 150 Jahre bis gegen Ende des 11. Jahrhunderts bewohnt. Offenbar musste die Bevölkerung das Dorf überstürzt verlassen, sie nahmen wohl nur das Allernötigste mit und ließen wertvolle Devotionalien, Waffen, Werkzeuge, Schmuck und Münzen zurück. Anatolien durchlebte im späten 11. Jahrhundert unruhige Zeiten; neben den türkischen Eroberern, die sich mehr und mehr im Land festsetzen, zogen auch die byzantinische Armee und verschiedene Banden durch die Gegend, die alle auf der Suche nach Nahrung und Wertgegenstände waren.

Dr. Beate Böhlendorf-Arslan, M.A.: Studium der Ur- und Frühgeschichte, Christlichen Archäologie und Byzantinischen Kunstgeschichte sowie Vorderasiatischen Archäologie an den Universitäten Heidelberg, Tübingen und Istanbul. 1994 Magister in Tübingen mit der Arbeit „Die Byzantinische Siedlung auf dem Beşik-Tepe (Troas/Türkei)“ (publ. in der Studia Troica 7, 1997, S. 363-444 und in Patronus. Festschrift für Çoşkun Özgünel 2007, S. 37-44); 1999 Promotion in Heidelberg mit der Arbeit „Die glasierte byzantinische Keramik aus der Türkei“ (publ. im Zero Verlag, 2004). 2001-2004 Dozentin für Byzantinische Archäologie an der Universität Çanakkale / Türkei, 2005-2007 Ass.-Professorin für Byzantinische Archäologie in Çanakkale. 2008-2010 Wiss. Mitarbeiterin in der Abt. Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. 2011 Wiss. Mit. am Inst. für Baugeschichte Cottbus. 2012 Wiss. Ang. am RGZM Mainz, 2012-2013 Wiss. Ang. in der Abt. Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte an der Universität Mainz. Seit Oktober 2013 Wiss. Ang. (DFG) am RGZM Mainz mit dem Projekt „Die Entwicklung der Stadt Assos (Türkei) in der Spätantike und byzantinischen Zeit“.

Literatur zum byzantinischen Boǧazköy:

Böhlendorf-Arslan, Das bewegliche Inventar eines mittelbyzantinischen Dorfes: Kleinfunde aus Boǧazköy, in: B. Böhlendorf-Arslan – A. Ricci (Hrsg.), Byzantine Small Finds in Archaeological Contexts, BYZAS 15 (Istanbul 2012) S. 351-368.

P. Neve, Boǧazköy und Hattusa in byzantinischer Zeit, in: V. Kravari – J. Lefort – C. Morrisson (Hrsg.), Hommes et richesses dans l’Empire byzantin II, VIIIe-XVe siècle (Paris 1991) S. 91-111.